Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Weiterentwicklung von Verfahren und Produktionsmitteln ständig billigere und bessere Produkte oder sogar ganz neue Produkte hervorbringt. Ob stets im gleichen Maße die Lebensqualität steigt, mag strittig sein - aber ein gewisser Zusammenhang besteht sicher. Und wir erwarten, dass es so weitergeht. In 30 Jahren soll es Fusionsenergie geben, in 50 Jahren ►Quantencomputer und in 100 Jahren vielleicht gar die Überwindung aller Krankheiten und die ►Unsterblichkeit. Aber kann es auch anders kommen? Woher wissen wir, dass Wissenschaft und Technik stetig vorangehen, so wie sie es in den letzten 300 Jahren getan haben?
In der Tat hat es in der Geschichte der Menschheit lange Perioden allgemeinen Rückschritts gegeben, z.B. in Europa zwischen dem 4. und 10. Jahrhundert oder in den ►islamischen Ländern ab dem 11. Jahrhundert. Solche Perioden sind dadurch gekennzeichnet, dass mit jeder Generation ein Teil des allgemeinen Wissens verlorengeht. Ursache sind keineswegs immer katastrophale Ereignisse wie Kriege oder Hungersnöte, sondern vielmehr auch das Entstehen eines wissensfeindlichen gesellschaftlichen Klimas.
Kann auch in der Zukunft der technische Fortschritt wieder stagnieren, oder gar technisches Wissen verloren gehen und ein allgemeiner Rückschritt eintreten? Folgende Szenarien wären denkbar:
- Wirtschaftliche Probleme zwingen zur Aufgabe teurer Grundlagenforschung und zum Rückzug auf die Befriedigung von Grundbedürfnissen.
- Negative Begleiterscheinungen technischen Fortschritts (Umwelt- oder soziale Probleme, Massenvernichtungswaffen) bewirken eine grundlegende Ablehnung von Wissenschaft und Forschung.
- Neue religiöse oder politische Ideologien verbieten die naturwissenschaftliche und technische Forschung.
- Die Technologie wird in allen Bereichen so komplex, dass sie mit vertretbarem Aufwand nicht mehr weiterentwickelt werden kann.
- Die Natur stellt sich ab einer gewissen Grenze als prinzipiell unverständlich und durch Theorien unbeschreibbar heraus.
Zwar sind die beiden letzten Szenarien meiner Meinung nach nicht sehr wahrscheinlich. Jedoch kann man sich durchaus gesellschaftliche Entwicklungen vorstellen - und Tendenzen dazu sind in unserer heutigen Gesellschaft erkennbar - Technik und Forschung auf einem bestimmten Stand einzufrieren oder gar rückgängig zu machen. Will man dies anstreben oder gegensteuern? Auch damit muss man sich in der Zukunft auseinandersetzen.
{ 1 } Comments
Eine richtig wichtige Frage, mit noch mehr interessanten Antworten. Da gibt es so viele Aspekte. Wir nehmen es derzeit als Selbstverständlichkeit an, dass es immer so weiter geht, mit Technik und Forschung. Wie wir Menschen es immer machen, einfach den Trend weiter extrapolieren.
Ich denke es gibt gute Gründe dafür, dass sich der technische Fortschritt erstmals noch beschleunigt, dann aber wieder langsamer wird. Den Zeitpunkt des Höhepunktes vorherzusagen sehe ich jedoch als schwierig an.
Zum soziologischen: Interessant ist ja, dass wir im relativ Technik-skeptischem Deutschland bisher noch unseren Bedarf an Ingenieuren und Forschern aus unserem eigenen Nachwuchs decken könnnen. Die Technik-begeisterten Amerikaner dagegen nicht. Ohne den Brain-drain aus anderen Ländern geht es in den USA nicht. Die Dinge sind also kompliziert.
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