Welchen Einfluss wird menschliche ►Unsterblichkeit - oder präziser gesagt, ein Heilmittel gegen das Altern - auf eine künftige Gesellschaft haben? Wird Unsterblichkeit überhaupt gewünscht? Erstaunlicherweise lehnen vor allem ältere Menschen einen Eingriff in den Altersprozess ab. Lebensverlängerung erscheint ihnen als Auswuchs wissenschaftlicher Hybris, dessen Perfidie keiner weiteren Begründung bedarf. Ein gutes Beispiel für diese Denkweise ist der Artikel ►“Wollen Sie ewig leben?” des Bioethikers Sherwin Nuland über das SENS-Projekt von Aubrey de Grey.
Manche Science-Fiction-Erzählungen postulieren eine Gesellschaft, in der sich einige für, andere gegen die Lebensverlängerung entscheiden, so dass Sterbliche und Unsterbliche miteinander leben (oder sich gegenseitig bekriegen). Solche Szenarien sind jedoch höchst unwahrscheinlich. Denn wer aus welchen Gründen auch immer nach einer gewissen Zeit sterben möchte, wird gleichwohl gerne auf Krankheiten, Gebrechen, Demenz und sonstige Erscheinungsformen des Alterns verzichten. Gibt es ein Heilmittel gegen Altern, werden früher oder später auch die eifrigsten Lebensverlängerungsgegner davon Gebrauch machen. Die Gesellschaft wird alterslos - ob wir das nun für gut halten oder nicht.
Was dann? Werden Renten abgeschafft? Kinder nur noch auf Antrag genehmigt? Bestattungsunternehmer pleite gehen? Altersheime in Reisebüros umgewandelt? Zweifellos, aber die Veränderung könnte wesentlich tiefer gehen und wesentlich umwälzender sein.
Unser gesamtes Leben ist auf das Altern hin ausgerichtet. Dessen Absehbarkeit teilt das Leben in die Phasen Kindheit, Ausbildung, Beruf, Ruhestand und trägt zu Struktur und Ordnung unserer Gesellschaft bei. Wer einen Beruf ergriffen hat, wechselt diesen normalerweise nicht mehr: es fehlt schlicht an der Zeit. Das Zeitlimit zwingt uns zu Planung und Effektivität in allem, was wir tun. Der wichtige Termin in 80 bis 100 Jahren, den jeder Mensch bei Geburt zugeteilt bekommt, gebiert viele weitere unbedingt einzuhaltende Termine bis hin zur Planung jedes einzelnen Tages.
In einer alterslosen Gesellschaft würde also das wichtigste Gut, das wir heute haben, nämlich die Zeit, einen gewaltigen Wertverlust erleiden, mit Folgen, gegen die der aktuelle Börsencrash ein Kinderspiel ist. Hat man Zeit im Überfluss, wird Planung unwichtig. Fast alle persönlichen Entscheidungen lassen sich irgendwann revidieren. Ich bin heute Programmierer in Deutschland, kann aber - wenn mir das besser gefällt - in 15 Jahren Leuchtturmwärter in Neuseeland sein, und in 50 Jahren Holzfäller in Kanada.
Zwar lassen sich sehr langfristige Projekte, wie z.B. eine ►Expedition zu einem anderen Stern oder die Umformung eines Planeten, einfacher angehen, wenn man weiß, dass man die Fertigstellung noch erleben kann. Die Frage ist jedoch, ob eine nicht zur Effektivität gezwungene Gesellschaft noch in der Lage ist, solche Projekte überhaupt durchzuführen. Werden Menschen, die keinem Zwang mehr unterliegen und keinen Zeitdruck kennen, sich noch zusammenschließen und einem Plan unterwerfen, um gemeinsam für ein höheres Ziel zu arbeiten?
Vielleicht bewirkt die Unsterblichkeit des Menschen zugleich den Tod der geregelten, geordneten Gesellschaft, wie wir sie kennen.
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In der Tat sind Unsterblich in vielen Science-Fiction Romane beliebte Figuren. In den moderneren Romane wird dabei der psychologische Aspekt immer mehr diskutiert, und viele Unsterblich haben in diesen Romanen das Bedürfnis zu sterben, können es aber nicht. Das wäre für quasi-unsterbliche Menschen aber kein Problem.
Allerdings glaube ich, dass eine Gesellschaft Unsterblicher nicht mit einer Gesellschaft sterblicher Menschen ökonomisch, kulturell oder militärisch konkurieren könnte, denn Unsterbliche sind per definition auf Stagnation ausgerichtet.
Zudem glaube ich, das quasi-Unsterblichkeit nicht kostenlos kommen wird. Viele unangenehme Operationen und medizinische Behandlungen werden kontinuierlich notwendig sein. Daher glaube ich, das die Form des Daseins eine Nebenform des Lebens darstellen wird. Gesellschaften unsterblicher Menschen werden nicht die Endform menschlichen Daseins darstellen, sondern tote (evolutionsgeschichtlich gesehen) Nebenäste.
Hier muss ich aber das Gegenargument anführen, dass unangenehme Operationen und kostspielige Behandlungen ja vor allem Sterbliche und weniger die Unsterblichen plagen werden. Denn wer nicht altert, ist selten krank, wenn er nicht überhaupt gegen alle Krankheiten gefeit ist. Operationen erübrigen sich da weitgehend.
Auch dass Unsterblichkeit ‘per definitionem’ auf Stagnation ausgerichtet ist, sehe ich nicht. Stagnation ist fehlende Weiterentwicklung und kann Sterbliche und Unsterbliche gleichermassen betreffen - erstere, bei nachlassender Schaffenskraft, sogar eher.
Richtig ist aber, dass vermutlich viele Unsterbliche irgendwann das Bedürfnis zu sterben haben werden. Das sehe ich auch so. Der direkte oder indirekte Suizid ist vermutlich die häufigste Todesursache in einer unsterblichen Gesellschaft.
Das Thema finde ich spannend. Ich habe aber nicht den biologischen oder medizinischen Sachverstand, um die technische Machbarkeit eines ewigen Lebens zu verstehen. Ich möchte das Thema aber aus einem anderen Blickwinkel, dem der Intelligenz und des Wissens, betrachten. Wenn ich über Jahrhunderte tätig bin und mein Wissen stetig aufbaue, dann befürchte ich, dass sich bei mir der Wahnsinn nach und nach einstellt. Über einen solchen Zeitraum werden dann weit zurückliegende Dinge bekannt (Intrigen, Mord, Kriegsverbrechen, Vorteilsnahme, Bestechung, Seilschaften, Steuerhinterziehung), wo die Akteure ebenfalls noch leben. Wie gehe ich damit um?
Wenn ich während dieser Zeit aber keinen Wissenszuwachs erziele, weil das Gehirn mit der Zeit nichts mehr aufnimmt, dann bleibe ich lange Zeit auf einer Wissensstufe stehen. Diese beiden Zukunftsszenarien sind nach meiner Ansicht nicht unbedingt erstrebenswert.
Aus biologischer Sicht wird dann auch das Thema Mutation oder die Vermischung unterschiedlicher Gene, die ein langfristiges Überleben einer Spezies sichert, reduziert. Es bedarf dann künstlicher Mechanismen, um ein Überleben bei sich ändernden Rahmenbedingungen zu gewährleisten.
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[…] Seiten beleuchtet werden, so wie es Christian in seinen Beiträgen ► Unsterblichkeit-I und ► Unsterblichkeit-II schon getan […]
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