Der Science-Fiction Autor Isaac Asimov ist in seiner berühmten ‘Foundation’ Trilogie der Frage nachgegangen, ob sich die Zukunft menschlicher Gesellschaften nicht doch vorhersagen lässt, auch über sehr lange Zeiträume, wenn die Anzahl der Menschen nur groß genug ist. In der Foundation Trilogie wird eine solche Wissenschaft ‘Psychohistorie’ genannt.
Auf dem Planeten Erde gibt hier und heute es keine Psychohistorie. Erstaunlicherweise selten wird gefragt, warum eigentlich haben wir keine Wissenschaft entwickelt, auch nicht in den Ansätzen, welche zukünftige gesellschaftlich, politische oder wirtschaftliche Entwicklungen vorhersagen kann. Alles wozu wir derzeit fähig sind, sind Trendanalysen, mehr nicht.
Liegt es daran, dass Politik von der Entscheidung Einzelner bestimmt wird, welche im Prinzip willkürlich sind? Oder -im anderem Extrem- dass es zu Massenpsychologischen Erscheinungen kommen kann, welche auch fast aus dem Nichts kommen. Wie die derzeitige allgemeine Vertrauenskrise im Finanzsektor?
Mit diesen Ausreden machen wir es uns vielleicht zu einfach, denn es gibt durchaus vereinzelte Beispiele für ‘psychohistorische Modelle’. Eines stammt von Abramowitz (2008), mit welchem sich der Ausgang US-amerikanischer Präsidentschaftswahlen quantitativ mit einer zirka 90%-er Sicherheit ein halbes Jahr in Voraus berechnen lässt. Es ist ein Beispiel für ein psychohistorisches Modell weil es nur messbare Grössen benutzt um eine messbare Vorhersage zu machen.
In dem Modell von Abramowitz werden lediglich drei (und nur genau diese drei!) Faktoren berücksichtigt:
(i) Die Zustimmungsrate (approval rate) des amtierenden Präsidenten.
(ii) Die volkswirtschaftliche Wachstumsrate.
(iii) Die Anzahl der Jahre über welche die Regierungspartei das Weiße Haus kontrolliert.
Empirischen Untersuchungen nach bestimmen diese drei Faktoren den Ausgang der Wahlen mit einer sehr hohen Vorhersagekraft. Die Persönlichkeit und das Program der Kandidaten hat in diesem Modell keinerlei Einfluss auf den Ausgang der Wahl.
Ob Clinton oder Obama ist ganz egal, die Demokraten konnten 2008 nach der Vorhersage des Modells vom Frühjahr 2008 nur gewinnen. Vielleicht gelingt es ja doch, auf die lange Sicht, eine Psychohistorie zumindest ansatzweise zu entwickeln.
A.I. Abramowitz:
It’s about time: Forecasting the 2008 presidential election with the time-for-change model.
International Journal of Forecasting, Vol. 24, pp. 209-217 (2008) [коли под наемpdf].
{ 3 } Comments
Die Formel zur Vorhersage der Präsidentenwahl ist interessant, bietet aber keinen Ansatzpunkt für die Entwicklung einer Psychohistorie. Denn sie ist rein empirisch aufgestellt, ohne dass ihr eine allgemeine Theorie zugrunde liegt. Wenn der Vertreter einer Partei als Präsident versagt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das nächste Mal der Vertreter der Gegenpartei ans Ruder kommt: das ist nur eine begrenzte Aussage innerhalb eines begrenzten Gültigkeitsrahmens.
Karl Marx hat ja auch so etwas wie eine Psychohistorie formuliert. Alle solchen Ansätze implizieren jedoch, dass politische und gesellschaftliche Entwicklungen langfristig einer Gesetzmäßigkeit folgen, die es nur noch zu entdecken und als Theorie zu formulieren gilt. Jedoch gibt es keinen Beweis oder auch nur einen Hinweis darauf, dass die Geschichte Gesetzen oder Regeln folgt, wie es z.B. bei der Natur der Fall ist.
Ich gebe Christian recht, dass eine empirisch Formel keine theoretische Grundlage zur Entwicklung einer Wissenschaft liefert. In der Tat denke ich, dass wir noch meilenweit davon entfernt sind so etwa ähnliches wie eine Psychohistorie zu entwickeln und Karl Marx hat ja kläglich versagt.
Und doch: Die meisten von uns glauben ja doch, das Persönlichkeit, Charakter und Programme in der Politik eine Rolle spielen. Da ist es schon sehr interessant einen Fall zu haben (eine wichtigen Fall), wo diese Dinge keine Rolle spielen und das Gesetz der grossen Zahl durchschlägt.
So wie ich es verstehe, gibt es viele “psychohistorische” Modelle in verschiedenen Wissenschaften (Soziologie, Politologie, Psychologie, Ökonomie,…). Praktisch genutzt werden sie erfolgreich z.B. für Planungen oder in der Werbung. Zu solchen Modellen für spezielle Bereiche würde ich auch die Vorhersage über den Ausgang von amerikanischen Präsidentschaftswahlen rechnen.
Wesentlich gröber wird es, wenn es um die Entwicklung menschlicher Gesellschaften geht. Man kann analog zu Darwins Evolutionstheorie die These aufstellen, dass letztendlich die Gesellschaft dominiert, die für die Entwicklung der Produktivität die günstigsten Bedingungen schafft. Dies erscheint mir logisch und auch mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft übereinstimmend.
Diese These sehe ich aber als nichts anderes als die Aussage von Marx und Engels, dass Gesellschaftsordnungen über die Produktionsverhältnisse auf die Entwicklung der Produktivkräfte zurückzuführen sind. Dies als gesetzmäßig anzusehen, halte ich für schlüssig. Daraus allerdings Vorhersagen für die Zukunft abzuleiten, ist schwierig. Anhand Darwins Evolutionstheorie kann man auch kaum vorhersagen, was für Arten sich noch entwickeln werden.
Hinzu kommt, dass gerade jetzt Entwicklungsprognosen wesentlich komplizierter werden als früher. In der Vergangenheit konnte man den Einfluss des Menschen auf globale Umweltbedingungen vernachlässigen und die natürlichen Ressourcen als grenzenlos ansehen. Die Änderung dieser Situation setzt neue Rahmenbedingungen für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Soweit ich sie kenne, berücksichtigen die verschiedenen Entwicklungstheorien (z.B. Wikipedia unter dem Stichwort “Soziokulturelle Evolution”) diesen Aspekt nicht.
Langfristig lässt sich die Zukunft der Menschheit nur über vernünftige globale Regelungen sichern. Gibt es dafür realistische Chancen?
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[…] Ansatzweise keine Futurologie auf wissenschaftlichicher Basis haben, siehe auch einen früheren ►Beitrag zur Frage nach dem Stand der […]
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