Seit ihren Anfängen leben die Menschen mit Göttern. Zunächst hatten diese die Aufgabe, menschliche Wünsche zu erfüllen: Hilfe auf der Jagd, Überwindung von Feinden, Unsterblichkeit, Lebenssinn, Ausgleich für Leid und Schmerz oder Einssein mit einem höheren Wesen. Clans, die einen ►Gott oder Dämon auf ihrer Seite wussten, besaßen einen klaren Vorteil gegenüber ‘gottlosen’ Clans. Der Philosoph ►Daniel Dennet beschreibt in seinem Buch Breaking the Spell, wie religiöse Rituale ihren Anhängern ein Zusammengehörigkeitsgefühl und bessere Überlebenschancen in einer feindlichen Umwelt boten. Gottesglaube wurde so durch natürliche Selektion zum festen Bestandteil menschlichen Denkens. Er findet sich bei praktisch allen Naturvölkern. Ungefähr zehntausend verschiedene Götter sind der Ethnologie namentlich bekannt; eine vielfache Anzahl an Göttern ist für immer vergessen; zirka fünfzehnhundert Götter werden auf der Erde heute noch verehrt.
Welche dieser 1500 Götter haben eine Chance, das Jahr 2525 zu erleben? Anders gefragt: wie werden sich die Religionen in den nächsten paar hundert Jahren weiterentwickeln? Ereignisse wie 9-11 zeigen den großen Einfluss religiöser Vorstellungen auf die Welt von heute. Wird sich dieser Einfluss verringern oder verstärken?
Zwar erleben wir eine immer weitergehende Rationalisierung der Weltbilder durch den größeren Raum, den Wissenschaft und Technik in unserer Gesellschaft einnehmen. Andererseits ist im menschlichen Gehirn Gottesglauben und Akzeptanz übernatürlicher Einflüsse heute noch ebenso verankert wie vor 50,000 Jahren. Wir wollen glauben, um jeden Preis - auch um den des Rationalitätsverzichts. Dieser Konflikt gebiert Quasireligionen (Wicca, ►Esoterik etc.) und fördert religiösen Fanatismus in Randgruppen der etablierten Religionen.
Irrationale Formen von Religion scheinen erfolgreicher zu sein als angepasste, rationalere Religionsformen. Die zur Zeit am stärksten wachsende Religion ist der ►Islam; alle anderen Religionen stagnieren oder sind im Rückgang begriffen. Das ►Christentum schrumpft in Nordamerika um 0.8% jährlich, jedoch verzeichnen seine besonders konservativen Spielarten, wie Katholizismus oder Pfingstbewegung, einen Zuwachs in Dritte-Welt-Ländern in Afrika und Asien. Wenn sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, wird im 22. Jahrhundert folgende Situation entstehen:
►Der Islam wird in Asien und Afrika vorherrschen und auch im Rest der Welt die bedeutendste Religion sein.
►Das Christentum existiert weiterhin in Form konservativer Randgruppen in Nord- und Südamerika, Afrika, Asien und Australien. Das liberale Christentum europäischer Prägung ist verschwunden.
►Hinduismus und Buddhismus sind auf unbedeutende Restgruppen reduziert.
►Europa und Nordamerika sind mehrheitlich säkular oder folgen einer bunten Mischung aus New-Age-Pseudoreligionen.
Freilich ist es stets gewagt anzunehmen, dass sich Trends der letzten 50 Jahre auch die nächsten 100 Jahre hindurch fortsetzen werden. Ein Ereignis, dass alle religiösen Trends über den Haufen werfen würde, wäre etwa die Geburt einer neuen Religion - so wie auch der vor 1400 Jahren entstandene Islam die Vorherrschaft des Christentums gebrochen hat bzw. letztlich brechen wird. Religionsgründung erfordert allerdings stets einen charismatischen Gründer, Stifter, Prophet oder Messias. Viele haben sich an dieser Aufgabe versucht, wenige - wie etwa der Science-Fiction-Autor ►Ron L. Hubbard - haben gewisse Teilerfolge erzielt, keinem jedoch ist bisher die für die Religionsverbreitung notwendige Überhöhung ins Übermenschliche gelungen. Dies lag wohl auch daran, dass fast alle bekannten neuzeitlichen Religionsstifter oder Gurus den materiellen Seiten des Lebens in Form von Schlössern, Yachten oder Rolls-Royce-Flotten durchaus zugeneigt waren. Solche Erfahrungen lassen es unwahrscheinlich erscheinen, dass in nächster Zeit ein überzeugender Messias auftritt und ein neues religiöses Zeitalter einläutet…
{ 1 } Comments
Mir ist natürlich bekannt, dass es eine Unmenge von Literatur zur Soziologie von Religionen gibt. Meiner Meinung nach ist dennoch die Frage ungeklärt, ob wir Menschen mit unserer derzeitigen genetischen Ausstattung fast zwangsläufig Gesellschaftsstrukturen entwickeln werden, in welchen Religionen oder religions-artige Glaubensstrukturen eine tragende Rolle spielen. Wir wissen also noch nicht ob religionsfreie menschliche Gesellschaften langfristige überdauern.
Ansonsten gebe ich Christian völlig recht, was die Vorhersage zur Bedeutung der einzelnen Weltreligionen in den nächsten Jahrhunderten betrifft. Z.B. erscheint es fast vollkommen ausgeschlossen, dass sich der Hinduismus ausbreitet. Und was nicht das Potential zur Vermehrung hat muss langfristig zurückgehen.
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